Frachtkostenerhöhung in der Speditionsbranche

Marcel Hergarten erläutert Hintergründe und Dynamik der branchenweiten Preiserhöhungen

Redaktion: Frachtraum wird teurer. Auch für die Kunden der Hergarten Gruppe?

Hergarten: Ja, leider. Wir wollen für unsere Kunden immer ein verlässlicher Partner sein und ihnen einen gleichbleibend ausgezeichneten Service zu gleichbleibenden Preisen bieten. Aufgrund der extremen Laderaumverknappung müssen jedoch auch wir nun die Preise anpassen und Kosten an unsere Kunden weitergeben.

 

Redaktion: Was sind die Gründe für die geringen Ladekapazitäten?

Hergarten: Zunächst natürlich die boomende Wirtschaft allgemein. Immer mehr Güter werden über die Straße transportiert. Der Frachtraumbedarf steigt über nahezu alle Industriezweige rasant an. Stahl ist dabei für die meisten Spediteure, die ihre knappen Ladekapazitäten möglichst geschickt und gewinnbringend verteilen müssen, ein eher unattraktives Transportgut, da die Ladezeiten lang und die Verpackungen aufwendig sind. Daher werden andere Branchen bevorzugt. Den Stahlhändler stehen weniger Logistikdienstleister und somit weniger Frachtraum zur Verfügung. Für die Hergarten Gruppe ist der Stahltransport seit jeher Kerngeschäft. Unsere Standorte und unsere 180 LKW-starke Flotte sind auf den Transport von Stahlgütern zugeschnitten. Unsere Kunden schätzen unsere Stahl-Expertise. Momentan haben wir permanent ein Verhältnis von drei Ladungen zu einem LKW – eine so hohe Kapazitätsauslastung hatten wir noch nie.

Ausschlaggebend für die knappen Frachtraumkapazitäten und der damit verbundenen Frachtkostenerhöhung in unserem Unternehmen ist der branchenweite Fachkräftemangel. Alle suchen händeringend nach Fachkräften, insbesondere nach LKW-Fahrern. Ohne Fahrer kein Transport. Das klingt simpel, die Tragweite dieser Zusammenhänge ist jedoch leider nicht allen Kunden und Geschäftspartnern bewusst.

 

Redaktion: Wieso ist es so schwer gutes Personal zu finden?

Hergarten: Z. B. wegen der z.T. horrenden Gehaltsforderungen von Bewerbern, die sich ihren Arbeitsplatz ja quasi aussuchen können. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter bereits übertariflich, bieten eine praxisorientierte Ausbildung und haben eine äußerst geringe Mitarbeiterfluktation. Das zeugt für mich von Zufriedenheit und ist wichtigste Voraussetzung für die Einhaltung unserer Qualitätsstandards. Hinzu kommt, dass der Job des Berufskraftfahrers aktuell leider ein sehr schlechtes Image hat. Staus, Unfallrisiko, familienunfreundliche Arbeitszeiten – das ist so die weitverbreitete Vorstellung. Unserer Meinung nach ist das viel zu eindimensional betrachtet. Was zu den Aufgaben eines Berufskraftfahrers wirklich alles dazu gehört, wie viel Abwechslung der Berufsalltag bietet und welche Möglichleiten bestehen, den Job familienfreundlich zu gestalten, wissen die Wenigsten. Hier mangelt es schon an Aufklärung in den Schulen. Deshalb engagieren wir uns auch dort. Alles in allem wird der Kampf um die Fachkräfte und damit um Frachtraum im Zuge der aktuellen Entwicklungen aus unserer Sicht also immer extremer. Das schlägt sich in den Personalkosten und schließlich auch in den Frachtkosten nieder.

 

Redaktion: Was tut Hergarten abgesehen von der Preiserhöhung die Situation zu entschärfen?

Hergarten: Wir versuchen das Übel an der Wurzel zu packen, indem wir unsere Mitarbeiter aktiv binden, eine gute Ausbildung bieten, über die Medien, auf Messen und durch Kooperationen Personal akquirieren. Darüber hinaus pflegen wir die partnerschaftlichen Beziehungen zu Subunternehmen und sorgen mit Zukäufen von kleinen und mittelständischen Speditionen für mehr Flexibilität. Neue Partner- oder Subunternehmen zu finden, ist derzeit jedoch fast ein Ding der Unmöglichkeit aufgrund alternativloser Preisforderungen oder eigener Dauerauslastung.

 

Redaktion: Könnte die Politik bei der Auflösung des Dilemmas helfen?

Hergarten: Die freie Marktwirtschaft muss sich hier in den nächsten Jahren selbst regulieren. Letztlich fehlt der Speditionsbranche allerdings tatsächlich die Lobby.